Nach Athen ist vor Griechenland

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Εκατό κλοτσιές σε ξέν ο κόλο δεν πονάν – 100 Tritte auf einen fremden Hintern tun nicht weh. Mit anderen Worten: „Was man nicht am eigenen Leib erfährt, spürt man nicht.“

Sandra Richter arbeitet nicht nur als Arzthelferin bei Epidaurus. Sie ist auch beliebte Fitnesstrainerin und mehrfach preisgekrönte Hobby-Fotografin. Auf ihrer Hochzeitsreise 2005 nach Griechenland begann eine wunderbare Freundschaft zu Land und Leuten. „Seitdem führte uns jede Reise ins Land der Hellenen, manchmal sogar mehrfach im Jahr“, berichtet die Dresdnerin.

„Merkel liebt dich noch“, war eins von vielen Graffitis in Athen, die sie bei ihrer jüngsten Mission zu Ostern 2016 als Erstes entziffern konnte. „Griechenland hat derzeit wie kein anderes Land die Konsequenzen der Europapolitik zu tragen“, findet Sandra Richter und wollte sich ein eigenes Bild machen. Schon im Vorfeld hatte sie sich über das griechische Gesundheitswesen informiert. Normalerweise sind Arbeiter und Angestellte (und deren Kinder kostenfrei) automatisch pflichtversichert. Langzeitarbeitslose sowie deren Angehörige fallen aber aus der Leistungspflicht. Die Arbeitslosenquote liegt bei rund 26 Prozent. Drei Millionen Griechen sollen derzeit nicht krankenversichert sein. Kliniken wurden zahlungsunfähig. „Chirurgen mussten monatelang ohne Handschuhe operieren und Wunden mangels Nahtmaterial auch schon mal mit Tesafilm verschließen. Unvorstellbare Zustände. Mitten in Europa“, recherchierte Sandra.

Kurzentschlossen schrieb sie die Sozialklinik Helleniko und eine undefinedmit ihr kooperierende deutsche Organisation  an. Mit einer langen Liste mit benötigten Materialien und Medikamenten knackte sie ihr Flohmarktsparschwein, schrieb an Netzwerkpartner und eigene Facebook-Kontakte eine Rundmail. Innerhalb einer Woche kamen über 1000 Euro Spendengeld plus zahlreiche medizinische Utensilien im gleichen Wert zusammen. So viel, dass Sandra Richter die Menge an Handschuhen, Spritzen, Kanülen, Butterflies, Nahtmaterial, Verbandszeug, Blutdruckmessgeräten, Windeln, Desinfektionsmitteln nicht auf einmal mitnehmen konnte. Nach Absprachen mit Botschaft, Auswärtigem Amt, Airline und Zoll durfte ein Teil des Spendengutes mitfliegen. Mehrere Pakete wurden postalisch verschickt.

Babynahrung und Medikamente konnte Sandra Richter vor Ort beschaffen, letztere mit erheblichen und für Deutschland unvorstellbaren Hürden, da, wenn überhaupt, nur Kleinpackungen in den Apotheken zu bekommen waren. Am Übergabetag erregte die junge Dresdnerin einiges Aufsehen im Empfangsgebäude der Helliniko-Sozialklinik. „Wir wollten doch nur unsere Taschen abgeben“, wundert sich Sandra noch heute und gesteht: „Uns wurden gleich Getränke und Stühle angeboten. Bei einem Rundgang durch die Klinik bedankte sich die Mitarbeiterin bei uns in jedem Satz. Das war mir recht peinlich. Sie wollte für jeden der Helfer einen Dankesbrief mitgeben. Ich konnte sie mit Mühe überzeugen, dass einer reicht und ich diesen allen zeigen werde.“

Ein Arzt bestand darauf, Sandra Richter und ihren Mann zurück zur Metro zu bringen, obwohl es nur ein Katzensprung war. Sein Wagen wäre für einen (deutschen) Mediziner untypisch. „Mein erstes Auto als Lehrling war besser in Schuss“, beschreibt Sandra Richter. „Der Arzt als einer von 300 ehrenamtlichen Klinikmitarbeitern wünschte uns, dass wir nie eine solche Situation kommen und er freute sich, dass andere Nationen das Elend mitbekommen und nicht wegsehen.“

Nach dreieinhalb Tagen in Athen ist Weltoffenheit für Sandra Richter lebendig geworden. Menschlich. „Vielleicht hat jemand, der selbst nichts hat, einfach keine Angst davor, dass man ihm noch etwas wegnehmen könnte“, überlegt sie und berichtet: „Trotz aller Schwierigkeiten sind die Griechen stolz, ungebrochen, vorausschauend. Ein Verkäufer sagte uns: Wir haben den Kaiser, die Türken und einen Diktator überstanden. Wir überstehen auch dies.“

Im Mai 2016 wird Sandra Richter erneut nach Griechenland reisen. Noch ist nicht geklärt, wie noch in Deutschland gelagertes Spendengut dorthin geschickt werden kann. „Medikamente unterliegen strengen Restriktionen. Desinfektionsmittel gelten als Gefahrgut“, erklärt sie. Und bedauert: „Spedition ist zu teuer. DHL antwortet nicht auf Anfrage. Hermes ist in Griechenland nicht tätig. Diverse andere Hilfsorganisationen haben keine Platzkapazitäten oder schlechte Erfahrungen mit abgelaufenen Spendenmaterialien gemacht. Würde dafür ein hilfreicher  Kontakt zustande kommen, wäre ich sehr glücklich.“ Spenden aus dem Freundeskreis, die immer noch bei Sandra Richter ankommen, leitet sie an das Rettungswagenprojekt in Helleniko weiter. (dm)

Foto: ©Sandra Richter

Sandra Richter hat viele griechische Obdachlose gesehen.